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Solo-Roadtrip in Finnland & die Lüge von der bedingungslosen Liebe

Autorenbild: diedreißigerin
diedreißigerin
vor 15 Stunden
5 Min. Lesezeit

Moi! Ja ich weiß, it’s been a minute. Aber ihr wisst ja, wie das ist. Aus vier Wochen werden acht und schlussendlich eben dreizehn. Der Juni war krass, der Juli war ein bisschen leichter, der August war wohlig und der September hat sich schon fast wieder ein bisschen hoffnungsvoll angefühlt. Ich glaube, ich bin nicht mehr dieselbe Miri, die sich Anfang Juli von euch verabschiedet hat. Vermutlich musste ich nur wieder einmal weg, ein bisschen von allem flüchten, um wieder ein wenig zu mir zu finden, viel gehen, um meine Gedanken zu hören und für einige Zeit eine Fremde sein in einer Welt, die so viele Meinungen hat.


Neun lange Wochen

Mein Sommer war schön, anders lässt sich das gar nicht sagen. Ich hatte euch von großen Plänen und endlosen Möglichkeiten erzählt. Einiges davon hat sich zugetragen. Wie erhofft, habe ich Pasta in der Gasse bei meinem Lieblingsitaliener gegessen, war an einem lauen Abend im Freiluftkino, hab die eine oder andere Radtour bestritten, bin am See gelegen, hab Tage mit meinen Großeltern in der Steiermark verbracht, auf einem Festival getanzt und das Vita in Apulien mit meiner Frieda dolcen lassen. Als mich meine Therapeutin im August nach vielen Wochen das erste Mal gesehen hat, war sie erleichtert. Bei unserer letzten Sitzung Mitte Juni meinte sie, dass ich mich unbedingt melden sollte, wenn ich sie akut bräuchte. Meine Augen waren damals leer und mein Körper ausgehungert, aber was hatte sie erwartet? Der Verlust meines Vaters war nicht meine erste schwerwiegende Krise und sie wird vermutlich auch nicht meine letzte sein. So ist das eben. Hinfallen, liegen bleiben und nach einiger Zeit wieder aufstehen.



Irgendwann hörten die Fragen nach meinem Befinden auf, ziemlich schnell sogar. Verlust ist einsam. Jede Woche hab ich mich alleine ans Grab gesetzt und meinem Papa von meinen Tagen erzählt, von meinen Träumen und meinen Ängsten – und ihm versichert, dass es mir gut gehe. Das Leben geht tatsächlich weiter und sehr viele Tage waren sehr schön, die schlechten dafür noch ein kleines bisschen schlechter.



Finnland, du Schönheit

Naja, ich bin also Ende August in den Norden geflogen. Nach Finnland, um genau zu sein. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass in den nördlichen Regionen tolle Dinge mit meinem Geist passieren und dieser Roadtrip mit mir selbst war genau das, wonach ich mich viele Monate gesehnt hatte. Finnland war wie eine Bubble, als hätte mir jemand Noise-Cancelling Kopfhörer aufgesetzt, damit ich mich selbst genauer wahrnehmen kann, weil der Lärm von außen nicht mehr reinkommt. Nach zwei Tagen Helsinki hab ich mich ins Auto gesetzt, bin der Küste entlang noch weiter in den Norden gedüst und hab mir die süßesten Städtchen angeschaut. Endlose grüne Wiesen, leere Straßen, die Ostsee im ersten Herbstlicht. Die Uhr hat ein wenig langsamer getickt, mein Herzschlag folgte.



So gut wie jeden Tag war ich in einem anderen Nationalpark und bin über die schmalen Stege durch die Moorlandschaft gewandert, meistens ganz alleine. In Finnland sind viele Tränen geflossen, freundliche und versöhnliche. Die schönen Erinnerungen mit meinem Papa kamen zurück, nachdem sie jahrelang von seiner Krankheit verdrängt worden waren. Und ich konnte mir selbst ein Stückchen vergeben für meine Hilflosigkeit und Überforderung in manchen Situationen, für meinen ungeduldigen Ton, den er nicht verdient hatte. Als ich an der Ostsee saß, die Sonne mir ins Gesicht schien und die Bäume im Wind raschelten, kam mir der schwarze CD-Spieler auf dem schweren Holztischchen mit den bauchigen Füßen in den Sinn. Hubert von Goisern. „Koa Hiatamadl“ musste er jedes Wochenende mit mir hören, danach spielten wir Fangen im Park. Wie schön, dass ich auch jenen Papa hatte.



Finnland war ruhig und gleichzeitig bewegt. Das viele Gehen hat ein paar ungute Gefühle gelöst, nachmittags habe ich sie im Café aufgeschrieben und abends habe ich mich schön zum Essen ausgeführt. In einigen Momenten hat mir die Sprache gefehlt, weil die Natur so unfassbar schön war. Die Finn:innen selbst? Genau mein Vibe: ein bisschen zurückhaltend, gut organisiert und effizient. Smalltalk? – Fehlanzeige. An meinem letzten Tag in Tampere hab ich mich am späteren Nachmittag in die Sauna begeben, ein wenig außerhalb, direkt am See. Mein ganz persönlicher Heated Rivalry Moment. Von der viel zu heißen Sauna direkt in den eiskalten, tiefschwarzen See (kleine Mutprobe für mich) und später auf die Terrasse. Eigentlich war es zu kühl, um draußen zu sitzen, aber es war auch zu schön, um es nicht zu tun. Nur ich, niemand sonst, und die sanften Wellen, die gegen die Holzpfeiler plätscherten. Ich bin bestimmt eine Stunde dort gesessen und hab der Sonne beim Untergehen zugesehen. Ihr wisst ja, Sonnenuntergänge sind mein Ding. Die kleine Miri und ich haben einander ein High-Five gegeben, alles richtig gemacht. Der Norden, schwer verliebt.




Unconditional Love oder so ähnlich …

Da wären wir beim Thema: Liebe. Ein wildes Konzept. Auf meinen Wanderungen musste ich viel über zwischenmenschliche Beziehungen nachdenken und eben über die Liebe, egal in welcher Form. Ein Podcast hatte ein paar Wochen zuvor mein Weltbild ein wenig über den Haufen geworfen. Seit ich denken kann, wünsche ich mir jemanden, der mich bedingungslos liebt, so wie ich eben immer geliebt habe. Aber ist das noch erstrebenswert? Eine Zuneigung, die an keine Bedingungen geknüpft ist? Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass bedingungslose Liebe die höchste Form der Liebe ist. Dass wir jemanden lieben, egal was passiert, unabhängig davon, was die Person sagt oder tut. Klingt ehrlich gesagt ziemlich fucking toxisch.


Ich für meinen Teil habe in früheren Beziehungen unverhältnismäßig viel verziehen und selten deutlich gemacht, wo meine Grenzen liegen, wie man(n) mich zu behandeln hat. Ihr könnt es erahnen, auf meiner Seite war es nicht so rosig, während meine Gegenüber mit allerlei Bullshit davonkamen. „Drüber stehen und ruhen lassen“, wir erinnern uns. Wenn Loyalität zur Selbstaufgabe wird, brauch ich diese Art von Liebe nicht.


Heute will ich nicht mehr, dass mich jemand bedingungslos liebt, ich will mich nicht einmal selbst bedingungslos lieben. Ich möchte gut auf mich achten, meinen eigenen Worten und Plänen vertrauen können, Verständnis zeigen, aber auch nicht jede Selbstsabotage durchgehen lassen. Das Gleiche gilt für andere, egal ob Familie, Partner oder Freund:innen.



Viel zu lange dachte ich, dass ich extra hart arbeiten und alles vergeben müsste, um Beziehungen aufrechtzuerhalten. Plot Twist, Menschen gehen trotzdem, nur heute gehe ich eben auch. Meine Liebe ist an Bedingungen geknüpft und die werden mit jedem Jahr unverhandelbarer. Mehr denn je glaube ich, dass wir Menschen lieben und trotzdem Konsequenzen ziehen dürfen, dass wir verbunden sein können und trotzdem nicht alles verzeihen müssen, dass es okay ist, manchen Personen keinen Platz mehr im eigenen Leben zu geben, wenn sie Grenzen missachten. Sorry, aber „kann es nicht besser, meint es nicht so“ hat in der Erwachsenenwelt als Rechtfertigung für mieses Verhalten keinen Platz. Liebe und Verantwortung gehören zusammen, alles andere ist ein Märchen, das die Tür zu Abhängigkeit öffnet.


Wisst ihr, wen ich bedingungslos liebe? Meine zwei kleinen Nichten und meinen Kater.


Es ist Freitag, ich sitze am Balkon und die Sonne scheint mir in den Rücken. Ich war heute nicht in der Arbeit, sondern bereits am Morgen beim Pilates, hab mir später in Ruhe meine Haare gewaschen und meine Wohnung aufgeräumt. Ein Mental-Health-Tag nur für mich, weil ein herausforderndes Wochenende auf mich wartet. Ich werde viele Stunden in Proben sitzen und am Sonntag ein Konzert spielen. Früher hätte ich durchgebissen, wäre über meine Grenzen gegangen und dann völlig ausgelaugt in die Woche gestartet. Aber so wie früher ist es nicht mehr, ich hab mich im Blick und mein Wohlergehen steht über allem, bedingungslos.


Irgendwann hat das leere Blatt nach mir gerufen. Was ich heute mit euch geteilt habe, schwirrt schon lange in meinem Kopf herum. Einiges daran macht mich traurig und doch ist es irgendwie auch befreiend. Wäre ich nicht so hoffnungslos romantisch, hätte aus mir eine außerordentliche Nihilistin werden können. Aber naja. Ich möchte mich erfreuen, dass die Sonne heute nur für mich gestrahlt hat und irgendwie möchte ich doch daran glauben, dass das Schicksal mir das Midlife-Crisis-Spiegelselfie meines Exes zugespielt hat, um mir den Tag zu versüßen. An bedingungslose Liebe glaube ich wirklich nicht mehr, von Karma möchte ich mich noch nicht verabschieden.


She’s a bitch. And I love her.

2 Kommentare


Antonia
vor 13 Stunden

ENDLICH! Ich warte schon so lange auf einen neuen Beitrag! Wieder so gut und traurig und schön zugleich! 💖

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Gast
vor 15 Stunden

Alter Schwede. Das nenne ich einmal ein Comeback!!!! Ich höre richtig wie sich deine Stimme verändert hat, ich mag die neue! 😍 Beim Thema Liebe stimme ich dir 100% zu, ich dachte das auch lange und habe deswegen ständig mieses verhalten akzeptiert. Nie wieder.

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