Wenn ich ehrlich bin, mag ich uns nicht mehr...
- diedreißigerin

- 16. Jan. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Feb.
Vor über 10 Jahren habe ich meine einstige beste Freundin kennengelernt, viel ist seither passiert und in diesem verflixten letzten Jahr haben sich unsere Wege getrennt. Freundschaften zu verlieren, sie aufzugeben und abzuschließen tut weh, vor allem, weil es immer schwieriger wird, Herzensmenschen zu finden und anderen Personen zu vertrauen. Ich musste in den letzten Monaten lernen, dass auch Freundinnen, die sich nach für immer anfühlten, gehen und der Schmerz darüber Liebeskummer in nichts nachsteht.
Auf der Suche nach Freundinnen
Ich war in meiner Jugend nie Teil einer Clique, noch immer beneide ich Leute, die einen riesigen Freundeskreis haben, in dem sich alle schon mehrere Jahrzehnte kennen und unkompliziert treffen können. In jeder Schule hatte ich immer eine gute Freundin, mit den Mädchen in meiner Klasse habe ich mich auch bestens verstanden, aber richtig tiefe Freundschaften haben sich während meiner Schuljahre nie gebildet. Nach der Matura stand ich dann ziemlich einsam da, ich war gestresst vom Doppelstudium, habe mich wenig einfach nur so an den Universitäten aufgehalten und während der Vorlesungen war es mir kaum möglich, mit jemandem zu sprechen. Noch heute ist es eine riesige Herausforderung für mich neue Leute kennenzulernen, ich werde schnell nervös, verkrampfe und ständig schleicht die Angst durch meine Gedanken, dass mich mein Gegenüber nicht mag.
Liebe von Sekunde Null
V. habe ich im dritten Jahr meines Studiums kennengelernt, wir haben die gleichen Fächer studiert, sie war aber ein Jahr weiter als ich. Wir hatten einen intensiven Montag, an dem wir drei gleiche Vorlesungen hintereinander besucht haben und irgendwie sind wir ins Gespräch gekommen und von da an zusammen gesessen. Sie war ehrgeizig, witzig, nachdenklich, wir hatten ähnliche Interessen, es hat einfach geklickt. Es folgte ein Besuch während ihres Auslandsaufenthaltes, obwohl wir uns eigentlich nur von der Uni kannten. Danach begann unsere Freundschaft so richtig, wir sind zusammen ausgegangen, haben uns gegenseitig nach Hause eingeladen, sind gemeinsam in den Urlaub gefahren, haben den Freundeskreis (im Studium war ich tatsächlich dann kurz Teil einer Clique) der jeweils anderen kennengelernt und ich konnte zum ersten Mal spüren, was es heißt, eine beste Freundin zu haben.
Vor allem die nicht so einfachen Zeiten, egal ob Studium oder Privatleben, haben uns zusammengeschweißt. Sie hat drei meiner Beziehungen miterlebt, Studienabschlüsse mit mir gefeiert, wir haben ihre zweite Wohnung zusammen eingeräumt und als sie beschloss, ins Ausland zu ziehen, habe ich sie wie und wo immer es mir möglich war unterstützt. Nicht nur einmal habe ich sie in ihrer neuen Heimat besucht, mir geduldig Geschichten und Probleme angehört, akzeptiert, wenn sie sich oft wochenlang nicht gemeldet hat und versucht, unsere Freundschaft zu pflegen. Eigentlich war ich mir sicher, dass V. die Patentante meines ersten Kindes wird, mir hilft meine Hochzeit zu organisieren und wir bis in unsere alten Tage noch über frühere Erlebnisse lachen. Seit über einem halben Jahr habe ich kein Wort mehr von ihr gehört, meine letzte Nachricht blieb unbeantwortet gleich wie meine Geburtstagswünsche.
Von einer Freundin geghostet
Typisches Ghosting würde frau bei einer romantischen Begegnung sagen, dass es diese Phänomen auch in Freundschaften gibt, war mir nicht bewusst. Prinzipiell verstehe ich Ghosting nicht, mir ist es immer wichtig klare Worte zu finden und fair miteinander umzugehen. Schon klar, dass Tinder-Matches nach wenigen Nachrichten ohne Erklärung gelöscht werden dürfen, aber ich finde, dass das bei Beziehungen, egal ob platonisch oder romantisch, ein richtig übler Move ist. Nach 10 Jahren Freundschaft ohne einen Mucks von der Bildfläche zu verschwinden war mies und nein, ihr ist nichts passiert, ich weiß, dass sie sich bei einer gemeinsamen Freundin regelmäßig meldet.
Am Anfang dieses Schweigens habe ich mir täglich Gedanken gemacht, ob ich mich nochmals melden soll, ob es ihr gut geht, was passiert sein könnte, was ich falsch gemacht habe. Mit jeder Woche wurde die Situation belastender und eine weitere Nachfrage unmöglicher. Nichts. Klar gab es Auseinandersetzungen und natürlich bin ich auf meine Aktionen und Reaktionen in dieser Freundschaft nicht immer stolz gewesen, aber ich war immer ehrlich, habe mich immer entschuldigt, wenn ich im Unrecht war, und war vor allem emotional großzügig. Vieles habe ich leise verziehen, ohne es jemals anzusprechen, wie zum Beispiel fehlendes Interesse an meiner Beziehung, kein Wort zur ersten gemeinsamen Wohnung etc. Schlussendlich musste ich feststellen, dass wir uns auseinander gelebt haben, viel schlimmer, in komplett andere Richtungen entwickelt und rückblickend schmerzt es sehr, dass ich mich eigentlich schon lange nicht mehr in dieser Freundschaft wohlgefühlt und dennoch dafür gekämpft habe. Ich glaube, dass es bei Freundschaften noch viel schwerer zu erkennen ist als bei Beziehungen, wenn es nicht mehr passt. Ich hing an alten Erinnerungen, an unserer Bilderbuchfreundschaft in den Studienjahren und an der Idee, dass wir für immer Freundinnen bleiben würden.
Versteckte toxische Züge und rote Flaggen
Die Wahrheit ist, ich mag nicht, wie sie meine Werte belächelt, meine Sensibilität als Schwäche interpretiert und schon gar nicht, dass sie sich nur mehr gemeldet hat, wenn es gerade bei ihr brannte oder sie von etwas Tollem zu berichten hatte. Ich mag nicht, wie klein und manchmal falsch ich mich neben ihr fühle, ich mag ihr autoritäres Verhalten nicht und noch weniger ihre harte Schale, die mit den Jahren immer noch weniger Platz für Emotionen ließ. Die logische Konsequenz, wir trennen uns oder ich wurde getrennt, vielleicht auch nicht, vielleicht würde sie sich wieder melden, aber das will ich eigentlich gar nicht mehr. Ich glaube, man sollte vorsichtig mit dem Begriff toxisch sein, immer wieder lese ich von toxischen Menschen, die man verabschieden muss. Unsere Freundschaft hatte sicher toxische Züge, wenn ich zurückdenke, sehe ich viele rote Flaggen, die ich ignoriert habe und sehr viel Unerfülltes, das ich mir für uns gewünscht hätte.
Im Endeffekt ist jede Beziehung ein Findungsprozess und eine Möglichkeit, Muster zu entdecken und sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennenzulernen. Inzwischen habe ich sehr wenige Freundschaften, dafür aber sehr innige, die sich ausbalanciert, warm, herzlich und fürsorglich anfühlen, aber auch ehrlich und kritisch sind. Vielleicht sollten wir Freundschaften mehr wie Liebesbeziehungen betrachten und uns immer wieder fragen, ob wir glücklich sind und ob wir wirklich gerne Zeit mit einer Person verbringen, ganz bei uns bleiben können und Platz für Wünsche, Ängste aber auch Albereien von beiden Seiten eingeräumt wird.
Ich mache dieses Wochenende Schluss, ganz offiziell und ohne sie. Dieser Bruch hat wehgetan, besonders in einer Zeit, die eh schon schwer war. Ich bin dankbar für die vielen schöne Momente. Freundschaft beendet.











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