• diedreißigerin

Polaroid-Momente und warum diese nicht von selbst entstehen!

Es gibt sie, diese Augenblicke, in denen die Zeit stehen bleibt und das Herz sich füllt, in denen die Schultern sich so leicht und der Atem so tief wie schon lange nicht mehr anfühlen, die sich ins Bewusstsein brennen und noch viele Jahre in schöner Erinnerung bleiben. Ich kann ihn noch riechen, den Kaffee auf der Dachterrasse in Sansibar, spür die Gänsehaut beim Walhai im Pazifik, muss schmunzeln, wenn ich die Italienfotos ansehe, fühl mich frei, wenn ich an die Berggipfel und die Sonne auf meiner Haut denke. An jedem Tag zu jeder Zeit gibt es so viele Eindrücke, so viele Erlebnisse, aber nur sehr wenige bleiben für immer, inzwischen kann ich auf viele zurückblicken, wenn die Stunden grau in grau erscheinen. Die nüchterne Erkenntnis? Polaroid-Momente, jene, die frau am liebsten auf Fotos in der Geldtasche herumtragen würde, entstehen nicht von selbst und sind – so wie scheinbar alles im Leben – mal mehr und mal weniger Arbeit!

Denk zurück und schwelge ein bisschen…

Ich habe heute lange nachgedacht und auf den Bildschirm gestarrt, während ich die letzten Jahre Revue passieren habe lassen. Zuerst dachte ich, dass mir nichts nur mit mir einfällt, besondere Momente, die ich alleine erlebt habe und die so schön waren, dass ich jetzt noch davon zehren kann. Stimmt aber nicht, ich hab viele einzigartige Erinnerungen an Auftritte, Momente auf der Bühne, die mit Angst und dann mit ganz viel Stolz behaftet sind, aber auch Meilensteine wie die letzte Prüfung im Studium und den Kuchen, den ich mir danach bestellt habe, das Abholen meines Masterzeugnisses, die Fahrradtour, als ich alleine in den Niederlanden war, vieles ist mir peu à peu wieder eingefallen. Aber, und das steht außer Frage, noch viel mehr Erinnerungen habe ich an Momente, die ich mit lieben Menschen in meinem Leben verbracht habe.

Je älter ich werde, desto mehr liegt mir meine Zeit und wie ich sie verbringe am Herzen. In meinen Zwanzigern standen meine Aufgaben im Mittelpunkt, es gab immer etwas zu tun, immer etwas zu üben, immer etwas zu erledigen. Oft bin ich nicht mehr ausgegangen, weil ich zu müde war, hab den Weg in eine Stadt nicht aufgenommen, weil es zu anstrengend erschien, bin nicht unter der Woche abends essen gewesen, weil ich am nächsten Tag aufstehen musste und hab generell Pflicht vor Vergnügen gestellt. Rückblickend war das ganz nützlich, weil nur so alles, was ich zu jener Zeit umgesetzt und geschafft habe, möglich war. Aber ich schau auch ein bisschen wehmütig zurück, auf die verpassten Partys, die nicht gemachten Städtetrips, die verflogenen Jahre und nicht mehr nachholbaren Möglichkeiten. Was mir damals an Weisheit und Geld gefehlt hat, fehlt mir heute an Zeit. Viel zu schnell vergehen die Wochen und Monate, viel zu einnehmend sind die beruflichen Verpflichtungen und die Zukunftssorgen, die mich täglich begleiten zu scheinen. Umso wichtiger ist es, die freien Tage nicht einfach willkürlich verstreichen zu lassen, sondern Freizeit bewusst zu gestalten.


Ein Jahr allein mit extra viel Aufwand.

Über ein Jahr wohne ich jetzt allein, ein Jahr in dem ich auf die bittere Art feststellen musste, dass ohne Planung und Aufwand nichts passiert und tolle Erlebnisse nicht einfach an die Tür klopfen. Klar habe ich auch spontan etwas mit mir selbst unternommen, aber sogar dafür braucht es einen Impuls. Ein kurzer Gedanke am Vortag, ein Reinfühlen, was guttun würde, ein Googeln der Möglichkeiten, ansonsten verfliegt der Tag und nichts passiert. Wenn dann eine weitere Person ins Spiel kommt, wird es umso wichtiger, im Vorfeld zu organisieren. Hin und wieder klappen spontane Treffen und Unternehmungen, aber so wie ich, sind auch meine Freundinnen in ihrer Zeit beschränkt, haben Verpflichtungen, Beziehungen und Familie, die sie unter einen Hut bringen müssen.

„Spontan“ klingt zwar in der Theorie spaßig, aber spontan gibt es dann eben nicht den Tisch im außergewöhnlichen Restaurant, den Brunch im Lieblingscafé oder die Wanderung frühmorgens. Solche Dinge müssen besprochen und geplant werden und ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, warum Vorausplanung etwas Schlechtes sein soll. Wie schön, wenn ich mich schon am Dienstag auf Samstag freue, weil ich weiß, dass mich etwas Tolles erwartet. Also habe ich dieses letzte Jahr bewusst versucht, meine Freizeit zu gestalten, sie nicht einfach passieren zu lassen, sondern genau das zu tun, was mich wirklich erfüllt, die Menschen zu treffen, die sich wohlig anfühlen und zu erleben anstatt nur zu leben.


Es ist manchmal anstrengend, aber es lohnt sich!

Hin und wieder war und ist das ganz schön mühsam. Die Couch ist so fein, Netflix so furchtbar einfach und zuhause ist es nunmal am schönsten. Nachdem mein Neustart in der Wohnung praktisch mit dem zweiten Lockdown begann, gab es sowieso kaum Optionen, aber ich habe trotzdem versucht, mir kleine Lichtblicke in der Woche zu schaffen. Manchmal war das ein gemeinsames Abendessen zuhause mit einer Freundin, manchmal ein besonders langer Spaziergang, hin und wieder eine Yogastunde oder ein Bummel durch die Stadt. Es gab Pläne, die von der üblichen Routine abwichen, und das tat einfach unglaublich gut.

Seit wieder alles möglich ist, war ich in sehr tollen Restaurants essen mit schönen Spaziergängen danach, hab angefangen, mich selbst zu Kaffee & Kuchen oder ins Kino auszuführen und hab Radtouren unternommen, die mir eigentlich zu anstrengend sind. Ich war diesen Sommer zweimal in Spanien, weil ich Zeit und Lust drauf hatte, war im Rooftop brunchen, weil warum nicht, hab zwei Filme im Open-Air-Kino gesehen, weil ich es die letzten zwei Jahre nicht geschafft hatte und hab endlich den Sonnenaufgang am Berg bestaunt, von dem ich schon so lange rede.

Das sind ein paar Momente, die mir jetzt einfallen. Ganz generell habe ich meine Einstellung geändert, die Aufgaben müssen warten, wenn das Leben ruft. Zu wenig Schlaf, weil der Abend so lustig war, ein bisschen Kopfweh, weil der Wein so gut geschmeckt hat, etwas unvorbereitet gelassen, weil der Film so spannend war oder auch bewusst zuhause geblieben, weil das Buch sich genau richtig angefühlt hat. Ich will etwas erleben, ausgehen, lange wach bleiben, ausgelassen lachen, will Erinnerungen für die Zukunft schaffen und diese schöne freie und unabhängige Zeit in meinen frühen Dreißigern, die vermutlich nie wieder kommt, bis aufs Letzte auskosten. Es ist manchmal ein bisschen mühsam und hin und wieder auch schwer, weil ich aus meiner Komfortzone raus muss, aber es lohnt sich definitiv.

Klar ist auch, dass nicht jeder Tag etwas Besonderes sein kann, nicht jeder Abend mit einer Freundin ein absolutes Highlight ist, dass auch spontane Unternehmungen ganz wunderbar werden können und dass es Wochen gibt, in denen es für die schönen Dinge weniger oder vielleicht auch keine Zeit gibt. Aber, und davon bin ich überzeugt, frau kann sich jeden Tag kleine Highlights gestalten bis das nächste große kleine Abenteuer mit Polaroid-Momenten anklopft.


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