top of page

Erste Dates mit Frauen

Autorenbild: diedreißigerin
diedreißigerin
vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit

Falls einigen von euch „dachte ich mir doch“ durch den Kopf schwirrt, muss ich euch leider enttäuschen. Nein, ich habe nicht das Ufer gewechselt. Girl, I wish. Dass ich mich nach wie vor romantisch nur zu Männern hingezogen fühle, ist der eindeutige Beweis, dass sexuelle Orientierung nicht frei wählbar ist. Trotzdem hatte ich in letzter Zeit schöne erste Dates mit einer Frau auf der Suche nach etwas: Freundschaft.


Freundschaften in den 30ern

Während uns Dating-Apps versprechen, dass irgendwo da draußen ein perfektes Match auf uns wartet, spricht kaum jemand darüber, wie verdammt schwierig es ist, mit Mitte dreißig neue Freundinnen zu finden.


Früher war das easy. Man ist in der Schule nebeneinander gesessen oder hat sich ein Seminar im Studium geteilt und schon war der Grundstein für eine lebenslange Freundschaft gelegt. Zumindest haben wir das damals alle geglaubt. Freundschaften waren leicht, alle hatten immer Zeit, niemand war an einen Ehemann oder Kinder gebunden und Dates mussten nicht drei Monate im Vorfeld vereinbart werden.


Heute, in der Erwachsenenwelt mit vollen Terminkalendern, sind Freundschaften Arbeit. Sehr schöne Arbeit, aber eben doch ein extra Aufwand im eh schon anstrengenden Alltag. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich, wer ich bin, was ich in anderen Menschen suche und vor allem in wen ich meine Energie investieren möchte. Für oberflächliches Geplänkel bin ich tatsächlich zu müde und für einseitige Beziehungen, in denen nur ich Kompromisse eingehe oder den extra Weg auf mich nehme, auch. In den letzten Jahren sind deshalb einige meiner Freundschaften weggebrochen. „Auseinandergelebt“ würde ich gerne sagen, aber eigentlich ging es darum mir einzugestehen, dass ich nicht mehr bereit bin, meine eigenen Bedürfnisse wegzulächeln.



Wozu der immer kleiner werdende Kreis an Freundinnen geführt hat? Ja genau, Panik. Was, wenn ich irgendwann alleine dastehe, wenn alle ihre Prioritäten auf die eigene Familie verschieben, wenn keiner anderen Freundschaften so wichtig sind wie mir? Versteht mich nicht falsch, ich glaube an meine engen Freundschaften, aber ich habe auch gemerkt, dass ich in den letzten Jahren keiner neuen Frau eine ehrliche Chance gegeben habe. Nun, das sollte sich ändern.



Stimmt der Vibe?

Im Juni bin ich als Begleitung mit zwei Klassen und drei anderen Lehrpersonen an den Millstättersee gefahren. Die Turnlehrerin hatte mich im Herbst angefragt, wir kannten uns flüchtig aus der Schule. Jessica ist nett, fröhlich, zieht sich gut an und hat die Reise perfekt organisiert, mehr wusste ich aber nicht von ihr.


Als wir am Morgen beim Bus auf die Kinder gewartet haben, meinte sie, dass sie schnell Kaffee holen würde. Sie kam mit zwei Cappus und zwei Croissants zurück. Was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Schluck. In den nächsten paar Stunden haben wir uns unterhalten, als würden wir uns schon ewig kennen. Die gemeinsame Woche war herrlich unkompliziert und spaßig, zurück zu Hause hatte wir dann unser erstes Date außerhalb der Schule – Kaffee bei mir.


Frau am Festival

Was soll ich sagen? Ich war aufgeregt und zwar ernsthaft. Das Outfit, die Wohnung, der Cappuccino, ich wollte, dass alles perfekt ist. Schnell noch das gute Parfum und die extra schönen Servietten. Ich musste selbst ein bisschen über mich lachen. Erste Dates mit potenziellen Freundinnen unterscheiden sich kaum von jenen mit potenziellen Partnern. Es gilt einander kennenzulernen und zu schauen, ob die Chemie stimmt, ob Lebensvorstellungen in die gleiche Richtung gehen, ob die Zeit miteinander Energie gibt oder raubt.


Jessica ist herrlich direkt und nach einer halben Stunde hat sie mich gefragt, ob ich mit ihr auf ein eintägiges Festival nach München fahren möchte, um Peggy Gou zu sehen. Kurz sprachlos. Das ging schnell und war richtig krass mutig von ihr. Ich hätte mich das nie getraut, aber ich hab zugestimmt und zwei Wochen später sind wir gemeinsam im Auto gesessen, haben den ganzen Tag auf der Rennbahn getanzt und den Abend im Hotelbett bei Trash-TV verbracht. Unser erster Trip war absolut perfekt, weil der Vibe gestimmt hat. Es war sonnenklar, dass wir nicht auf die Afterparty gehen, es war ebenfalls selbsterklärend, dass sich keine komplett wegschießt und als sie am nächsten Tag dann noch einen Zwischenstopp am Walchsee vorgeschlagen hat, war es für mich beschlossene Sache, dass diese Frau meine Freundin wird.


Es gab keine unangenehmen Gesprächspausen, kein verzweifeltes Suchen nach neuen Themen, kein Gefühl, sich besonders anstrengen zu müssen und auch keinen Zwang, eine bestimmte Rolle zu erfüllen. Das ist vielleicht das Tollste an neuen Freundschaften: Sie geben Raum für eine neue Seite der eigenen Persönlichkeit, eine neue Facette des eigenen Ichs. An dem Nachmittag in München war ich unbeschwert, ausgelassen und hab die geliehene Louis Vuitton mit einem Augenzwinkern durch die Gegend chauffiert, während Jessi ihre Leo-Sonnenbrille zelebriert hat. Jede war so, wie sie ist.



Alles bunt

Vielleicht ist das nämlich das eigentlich Schwierige an der Freundschaftssuche mit Mitte dreißig. Nicht das Kennenlernen an sich, sondern jemanden zu finden, bei der frau wirklich sie selbst sein kann. Ich weiß, was mich begeistert, was mich langweilt, worüber ich stundenlang reden könnte oder bei welchen Themen ich innerlich bereits nach dem Ausgang suche. Ich weiß, welche Werte mir wichtig sind, welche Art von Humor ich liebe und wie viel Nähe ich in einer Freundschaft brauche. Vor allem weiß ich, dass ich keine Lust mehr habe, mich für andere Menschen kleiner, unkomplizierter oder angepasster zu machen, nur damit es irgendwie passt.


rosa Glitzer

Ich bin nicht mehr die, die ich vor fünf oder gar zehn Jahren war und ich möchte Frauen in meinem Umfeld, die sich ehrlich für mein Leben interessieren, ohne dass wir ständig dieselben Entscheidungen treffen müssen, die von sich aus Treffen vorschlagen und denen ein selbstbestimmtes Leben genauso wichtig ist wie mir. Und vielleicht ist es mit Freundschaften eben genauso wie mit der Liebe. Zwei können noch so viele Gemeinsamkeiten haben, dieselben Werte teilen und sich gegenseitig sympathisch finden, wenn die Chemie nicht stimmt, wird es auf Dauer nicht halten.


Was mir dabei besonders bewusst geworden ist: Neue Freundschaften entstehen nicht einfach so, frau muss ihnen Platz geben. Nicht nur im Kalender, sondern auch emotional. Ich musste mich öffnen, Zeit in diese neue Freundin investieren, meine Lebensgeschichte wieder aufrollen, genau zuhören und auch die weniger schönen Seiten des eigenen Lebens zeigen.


Mich verletzlich zu machen ist gruselig und fucking anstrengend zugleich, vor allem, weil es nie eine Garantie gibt, dass die neue Verbindung bleibt und ich schon so oft enttäuscht wurde. Aber auch hier ist es wie bei romantischen Beziehung: Wer sich nicht ehrlich zeigt, bleibt an der Oberfläche und dort ist es bekanntlich recht langweilig und eintönig.


Ich mag’s bunt und mit rosa Glitzer. Sue me.


Mehr denn je glaube ich, dass Frauenfreundschaften die wichtigsten Beziehungen im Leben und echte Freundinnen ein absolutes Geschenk sind. Nicht alle halten, so wie eben auch Partnerschaften, aber die paar, die bleiben, verdienen Aufmerksamkeit, Zeit und Pflege. Wenn ich zurückdenke, wie viele Trillionen Stunden ich in mittelmäßige Männer investiert habe, wird mir schlecht. Meine Freundinnen haben nur das Beste und extra viel Liebe verdient. Ich auch.


Nächste Woche habe ich übrigens ein erstes Date mit meiner neuen Nachbarin. Sie hat mich im Stiegenhaus auf ein Glas Weißwein bei sich eingeladen, ich mag sie jetzt schon.

Kommentare


Verpasse keinen Beitrag und abboniere diedreißigerin!

Schön, dass du hier bist!

  • Instagram
  • Facebook

© 2021 diedreißigerin

bottom of page