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Der Tag, an dem mein Papa starb ...

  • Autorenbild: diedreißigerin
    diedreißigerin
  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wie ihr vermutlich gemerkt habt, gab es letzte Woche keinen Blogbeitrag. Mein Papa hat es, nachdem er jetzt viel Wochen gekämpft hatte, auf die andere Seite geschafft und die letzten Tage waren schwer wie sie versöhnlich waren. Oft, so zumindest meine Erkenntnis in den 30ern, liegen Trauer und Glück sehr nah beieinander, Schmerz und Freude können zeitgleich gefühlt werden und manche Stationen im Leben lassen sich einfach nicht umfahren.


Die letzten Jahre waren kacke, das lässt sich anders gar nicht sagen. Demenz ist eine Krankheit, wie sie ekliger nicht sein könnte, und einem geliebten Menschen beim Verschwinden zuzusehen ist nicht nur tragisch, sondern auch unfassbar trostlos. Es gab viele erste Male, viele Versionen meines Papas von denen ich mich im Laufe der Zeit verabschieden musste. Kurz nach Corona waren es Uhrzeiten, die er nicht mehr zuordnen konnte, später Gespräche, an die er sich nicht mehr erinnerte. Anfangs hatte ich mir nicht viel dabei gedacht, er ging auf die 70 zu und Menschen werden im Alter vergesslich. Um Weihnachten 2022 war mir klar, dass etwas nicht mehr stimmte. Er hatte seine Finanzen nicht mehr im Griff, geschweige denn seine Körperhygiene,  die Wohnung war desolat, Gesprächsfloskeln wurden redundant und zeitliche Abfolgen verursachten maximalen Stress. Wenige Wochen später hatten wir die Diagnose: mittelschweres dementielles Syndrom mit Verdacht auf Alzheimer.


Papa und Tochter

Damals hat es mir wortwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen, unser Verhältnis war seit Teenagertagen nicht mehr besonders eng, die neue Situation und damit einhergehende Ohnmacht kaum auszuhalten. Dazu hatte ich endlose Schuldgefühle, dass ich es zu spät erkannt und zu wenig Zeit mit ihm verbracht hatte. Die kleine Miri hat sich darauf verlassen, dass ihr Papa immer da sein wird, dass er in der Rolle des sich Sorgenden bleiben würde und plötzlich war alles anders. Ziemlich schnell konnte ich eine mobile Pflege organisieren, das Finanzielle regeln und die Erwachsenenvertretung übernehmen, es schien bergauf zu gehen, aber Demenz lässt sich nicht aufhalten und sie hält sich auch an keine Timeline.


In den letzten paar Jahren hatte mein Papa einige Schübe, körperlich ging es ihm zu Glück immer gut. Aber irgendwann fand er nicht mehr alleine in die Stadt, erinnerte sich nicht, dass wir schon 20 Mal in der letzten Stunde telefoniert hatten und konnte nicht mehr an sozialen Interaktionen teilnehmen, bis zum Schluss hat er mich erkannt. Als er letzten Oktober ins Heim kam, war ich erleichtert, die Einsamkeit und fehlende Anleitung hatten ihm enorm zugesetzt. Ich möchte daran glauben, dass er sich dort wohl gefühlt hat, ich hasse mich für jede Woche, in der ich ihn nicht besucht habe. Im März hatte er eine schwere Blasenentzündung inklusive Nierenversagen und musste länger ins Krankenhaus, leider ist es danach körperlich und geistig rapide bergab gegangen. Die letzten Male bin ich mit ihm nur noch mit dem Rollstuhl eine Runde im Freien spaziert, Konversationen waren nicht mehr möglich.


Aber ich konnte mich in den zwei Tagen vor seinem Tod von ihm verabschieden, bin viele Stunden neben ihm gesessen, hab seine Hand gehalten, mit ihm Mozarts Klaviersonaten gelauscht und von meinen Kindheitserinnerungen erzählt, von den Stunden am Spielplatz, im Kino oder bei Chicken Nuggets und Pommes. Mein Papa war immer nur ein Wochenendpapa und eine Zeit lang war er meine allerliebste Person, weshalb es jetzt auf einer sehr schwierigen Ebene schmerzt.


Papa und Tochter

Am 2.6.26, ich war wenige Stunden vorher in Madrid gelandet, kam der Anruf, abends ging ich alleine ins Bad Bunny Konzert. DEBI TIRAR MAS FOTOS heißt die Tour, übersetzt „hätte ich mehr Fotos gemacht“ war das Konzert eine Liebeserklärung an das Leben und unsere Liebsten. Ich hab viel geweint an diesem Abend, die letzten Jahre waren schwer und ich hatte die Erinnerung an einen gesunden Papa vergessen. An den darauffolgenden drei sehr ruhigen Tagen am Meer kam sie wieder.


Mein Papa hatte schon immer einen Sinn für das Feine, ich möchte behaupten, dass mein Hang zu exquisiten Dingen von ihm kommt. Er war auch ein Einzelgänger, introvertiert und sehr sensibel, hatte aber bei Festen immer unzählige Witze parat, über die er am lautesten gelacht hat, an Charme hat es ihm nicht gefehlt. Er hat mir schon in der Hauptschule Autofahren beigebracht (pssst) und mir meine erste Querflöte gekauft. Meine Mama hatte oft gesagt, dass ich als braves Mädchen ins Wochenende gestartet und als kleine Rowdie zurückgekommen war. So stimmt das nicht, ich bin als Prinzession zurückgekommen mit entsprechender Attitüde, mein Papa kannte nämlich kein Nein und erfüllte mir jeden noch so absurden Wunsch.


Er war nicht der Papa, den ich als Teenagerin und Erwachsene gebraucht hätte, aber für die kleine Miri war er der Allerbeste und an das Gefühl, als ich mich von der Plattform im Rapoldi Park in seine offenen Hände gestürzt habe, kann ich mich noch heute erinnern. Ich wünschte, er wär nie krank geworden, ich wünschte, ich hätte mehr schöne Erinnerungen als Erwachsene, ich wünschte, dass einiges anders gekommen wär. Mich zerfrisst die Schuld, nicht früher seine Demenz bemerkt zu haben, ich schäme mich für die Situationen, in denen ich ungeduldig und grantig wurde und ich hasse mich für jedes Kompliment, dass ich nicht annehmen konnte. Für meinen Papa war ich das allergrößte Geschenk, sein ganzer Stolz.


Als ich auf die Welt kam, war er fast auf den Tag so alt wie ich heute, die darauffolgenden 37 Jahre sind nur so verflogen. 2026 meinen Papa zu verlieren stand nicht auf meiner Bingo Card, aber so vieles innerhalb der letzten Jahre kam anders als ich es mir gewünscht hatte. Jeden Tag zünde ich abends eine Kerze bei seinem Foto an, er sitzt auf einer Mauer irgendwo im Süden. Ich kann mich in diesem Foto sehen, wie gern hätte ich ihn damals gekannt, hätte mehr über die Geschichten gehört, von denen ich nichts wusste, ihn mehr als Mensch voller Facetten gesehen und nicht nur als meinen Papa.


Mann auf Mauer im Süden

Mein Papa ist nicht mehr da, er wird viele Meilensteine nicht mehr sehen, bei vielen Konzerten nicht mehr applaudieren und sein Name wird nie mehr auf meinem Handy aufscheinen und doch bin ich dankbar, dass ich ihn solange hatte, dass er immer präsent war und, da bin ich mir sicher, mich ganz fest lieb hatte.


Ich lass dich gehen, aber ich behalte alle schönen Erinnerungen.


Im Moment fühl ich mich so unerträglich alleine, nicht weil niemand da ist, sondern weil ich nicht weiß, wo ich hin soll mit meinen Gefühlen. Sein Tod kam nicht überraschend und der Papa, den ich gerade so vermisse, ist schon lange nicht mehr da gewesen, aber seit ich am Mittwoch den Sarg in der Halle gesehen hab, kann ich nicht mehr aufhören zu weinen. Ich bin so wütend auf die Situation, auf das Leben, auf die Krankheit, auf die verpasste gemeinsame Zeit, auf mein Los. Wie seit jeher stehe ich wieder zwischen zwei Familien, bin mit meinen Emotionen allein. Meine Mama ist lange weitergezogen und mein Bruder hat einen anderen Vater, es kommt so viel Altes hoch, der Schmerz der kleinen Miri, die sich immer eine heile Familie gewünscht hatte. Aber ich bin nicht mehr klein und ich kann Verantwortung für mich übernehmen, gestalten und Entscheidungen treffen und weinen und lachen und von ihm erzählen.

3 Kommentare


Maria
vor einem Tag

So unfassbar traurig und gleichzeitig so wunderschön geschrieben.

Es gibt keine tröstenden Worte, ich sende Wärme und wünsche dir, dass deine Trauer ihren Weg finden kann.

❤️‍

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Gast
vor 3 Tagen

❤️

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Gast
vor 3 Tagen

Ach Miri, mein herzliches Beileid. Ich glaube ich spreche für alle Leserinnen, dass unsere Gedanken bei dir sind. ❤️

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