• diedreißigerin

Tut mir leid, aber das ist mir nicht gut genug!

Er meldet sich so wenig, weil er Stress hat, wir treffen uns nur am Abend, selten bleibt er über Nacht, oft höre ich tagelang nichts von ihm. Wie oft habe ich solche Phrasen schon gehört und auch selbst ausgesprochen in der Hoffnung, dass mich mein Gegenüber darin bestärkt, dass sein Verhalten nichts mit mir und uns zu tun hat. Tja...I got news: he is just not that into you! Und das sollte uns in den Dreißigern – eigentlich schon früher, aber alles braucht Zeit und Erfahrung – nicht mehr gut genug sein.

Bullshit-Ratgeber und gemeine Stereotypen.

Mir stellt es die Nackenhaare auf, wenn ich daran denke, wieviele Ratgeber auf allen möglichen Lifestylewebseiten darüber schreiben, was als Frau zu tun ist, wenn sich das männliche Gegenüber distanziert und desinteressiert verhält. "3 Schritte, um ihn zurückzugewinnen", "5 No-Gos in neuen Beziehungen", "28 Verhaltensregeln, wenn er sich nicht meldet", das waren mitunter die ersten Treffer meiner Google-Recherche. Wenn ich zurückblicke, werde ich schon seit über einem Jahrzehnt von Zeitschriften und Co. darüber informiert, dass ich mich ändern muss, wenn sich der Mann nicht so verhält, wie ich es gerne hätte. Habt ihr schon einmal ein Lifestylemagazin für Männer in der Hand gehabt? Dort findet ihr nämlich nichts dergleichen, es geht um Sport, Karrierechancen, Körperpflege und vielleicht auch hin und wieder um Sex und Beziehungen, aber nie um Verhaltensregeln und schon gar nicht darum, sich zu ändern.

Es wird uns also von jungen Jahren an vorgesagt und vorgeschrieben, dass es an uns liegt, die Situation zu richten, mehr Einsatz zu zeigen und uns zu bemühen, den Mann am Ball zu halten. Wie oft habe ich mich mit Freundinnen darüber unterhalten, was zu tun ist, wenn er sich wieder einmal daneben verhalten und nicht gemeldet hat. Besonders witzig schreiben, keine Vorwürfe machen, sich selbst distanzieren, um interessant zu bleiben oder vielleicht doch so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Bullshit...die Fragen und Themen sollten ganz andere sein: Was willst du und wo sind deine Grenzen?


Ich bin ich, bist du richtig für mich?

Sobald es um romantische Beziehungen geht, scheint das weibliche Geschlecht sich selbst und seine Bedürfnisse hintenanzustellen. Ich will hier nicht verallgemeinern, natürlich gibt es Ausnahmen, ich ziehe meinen Hut vor Frauen, die klar ihre Grenzen setzen und ihren Wert zu jeder Zeit genau wissen und auch verteidigen. Leider gehöre ich da nicht dazu und wenn ich mich umhöre, geht es vielen ähnlich. Unzählige Male habe ich versucht mich anzupassen, wenn ich jemand neuen kennengelernt habe. Natürlich möchte sich vermutlich jede von ihrer besten Seite zeigen, wenn man sich die ersten paar Male mit einem Date trifft, dagegen spricht ja auch nichts. Ich glaube, dass der kritische Zeitpunkt eintritt, wenn casual dating über Wochen und Monate stattfindet und frau vergisst, was zu viel und was definitiv zu wenig ist. In meinem Fall will ich schon lange nichts Lockeres mehr, ich möchte eine Beziehung, natürlich nicht mit jedem Mann, den ich über die Jahre kennengelernt hatte, aber viel zu oft habe ich Kompromisse hingenommen, bin länger in einer Wochenend-Affäre geblieben, als ich eigentlich wollte und habe bei Männern, mit denen ich mir wirklich etwas Festes vorstellen hätte können, viel zu lange mit verdeckten Karten gespielt. Warum? Weil ich Angst vor ihrer Reaktion hatte und ihre Meinung mir wichtiger war als meine.


Einen Schritt zurück, bitte.

Ich war Meisterin darin, hinzunehmen was mir eigentlich zu wenig war. Viel zu oft begannen Sätze mit "aber wenn...", wenn er nur mehr Zeit braucht, wenn er sich überfordert fühlt, wenn er es nicht zeigen kann, wenn er es nicht besser weiß, wenn er doch der Richtige ist...oder noch viel schlimmer...wenn ich mich mehr bemühen muss, wenn ich zu viel verlange, wenn ich zu ungeduldig bin, wenn ich nicht toll genug für mehr bin. Einen Schritt zurück bitte, Situation evaluieren, ganz genau hineinhören – was will ich eigentlich? – und dann geradeaus kommunizieren. Wenn ich einem Mann klar mitgeteilt habe, was ich mir wünsche und was ich mir erwarte und er nicht darauf eingeht und sich mit allen möglichen Ausflüchten windet, dann gibt es eigentlich nur mehr eines zu sagen: Tut mir leid, aber das ist mir nicht gut genug.


Empowern statt aushalten.

Warum bleiben Frauen, obwohl es ihnen nicht gut tut? Das Ego, es ist nicht fein sich einzugestehen, dass die andere Seite nicht das Gleiche empfindet und das Gefühl, nicht gut genug für etwas Festes zu sein, schmerzt. Solche Gedankengänge sind natürlich völliger Unsinn, aber sie kommen in den schwachen Momenten und führen dazu, dass die leidige Situation lieber ausgehalten wird anstatt Grenzen zu ziehen. Im Endeffekt müssten wir nur hin und wieder die Perspektive wechseln, ich glaube in ganz vielen Fällen verlieben wir uns mehr in die Idee von etwas als in den Mann selbst. Anstatt beim Ich zu suchen, sollte das Gegenüber genauer angeschaut werden, vermutlich würden objektiv viele rote Flaggen zu sehen sein. Also sprecht ihn aus den Satz: "Sorry, aber ich wünsche mir etwas anderes und was du mir hier bietest, ist mir einfach nicht gut genug!" Werden dabei Gefühle verletzt? Eigentlich nicht, du wirst dich besser fühlen, weil du deinen Wert verteidigt hast und für die Entscheidungen des anderen kannst du nichts.


Manchmal tut's trotzdem weh, aber es lohnt sich.

Letzte Woche war ich wieder in so einer Situation. Seit Monaten habe ich meinen Exfreund immer wieder gesehen, immer wieder haben wir schöne Stunden miteinander verbracht und immer wieder blieb es unverbindlich und bis zum nächsten Treffen distanziert. Ich habe natürlich Gefühle für ihn und ich weine der Idee einer schönen Beziehung mit ihm hinterher, diese Dates waren ein Versuch an meinen Wünschen festzuhalten und haben mich von Woche zu Woche kleiner gemacht. Wenn wir uns sahen, war es immer traumhaft schön, aber ich wollte nicht mehr nur die Wochenenden, sondern uns entweder ganz oder gar nicht. Ich hab's ihm gesagt, das war schwer, er hat nicht darauf reagiert, das war noch schwerer, ich hab "das ist mir nicht gut genug" ausgesprochen, das war am schwersten. Am nächsten Tag hab ich geweint, viel, und dann bin ich spazieren gegangen in den Wald und ich hab mich stark gefühlt wie schon lange nicht mehr, denn ich bin für mich eingestanden und hab meine Bedürfnisse und meinen Wert positioniert. Wenn nicht ich, wer dann?

Eine meiner liebsten Podcasterinnen sagt immer, dass einem die Zeit, die man mit dem Falschen verschwendet, mit dem Richtigen fehlt. Und ganz ehrlich, ich bin zu alt, um meine Zeit mit Baustellenmännern – so nennt sie diese – zu verbringen und um im Konjunktiv zu leben. Ich möchte aufhören, mich schlecht zu fühlen für das, was ich will, vielmehr möchte ich klarer sein und selbstbestimmter. Eines hat sich in diesem dritten Jahrzehnt deutlicher denn je gezeigt: Vieles ist mir nicht mehr gut genug und das ist völlig in Ordnung.

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