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Ein Sommer voller Möglichkeiten

  • Autorenbild: diedreißigerin
    diedreißigerin
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Die erste Jahreshälfte ist vorbei und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber die letzten 6 Monate sind an mir vorbeigezogen und waren, glaubt mir, ich kann mich selbst schon nicht mehr hören, eine echte Herausforderung. Vor drei Wochen habe ich meinen Papa begraben, der Sumpf, in dem ich mich gerade befinde, ist beängstigend tief und trotzdem ist da dieser unersättliche Wunsch mein bestes Leben zu leben. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie vergänglich und fragil im Endeffekt alles ist und wie wichtig es bleibt, Wünsche und Träume nicht hintenanzustellen. Ein Sommer voller Möglichkeiten steht mir bevor und ich hab vor, ihn ordentlich auszukosten.


Stille Trauer

Mir geht’s im Moment nicht gut, das lässt sich gar nicht schön reden, es kommt gerade so viel alter Schmerz hoch, die Therapiestunden sind mehr als düster. Letzte Woche hat meine langjährige Therapeutin das erste Mal mit mir geweint, ich fühl mich so krass einsam in meinem Familienkonstrukt, dass es sogar ihr Nahe gegangen ist. Es ist ein Privileg, dass ich mir diese zusätzlichen Stunden gerade leisten kann, es ist ebenfalls ein Privileg, dass ich in den letzten Tagen und Wochen mit außerfamiliärem Zuspruch überschüttet wurde. Viele Anrufe haben mich erreicht, teilweise auch von Kolleg:innen, meine Oma aus der Steiermark hat mir ein Päckchen geschickt und meine zwei engsten Freundinnen sind mit mir am Grab gestanden und haben mit mir getrauert. Trotzdem fühl ich mich alleine mit meinem Schmerz und es wird noch viele Monate richtig fest wehtun.


Sonnenuntergang

Ich bin Profi im Maskieren, war ich schon immer, kann mich meinen Gegebenheiten gut anpassen, vor meinen Kindern in der Schule über Scherze lachen, fröhlich im Theater sitzen und trotzdem am Heimweg schon bitterlich weinen. Mitleid von anderen empfinde ich als extrem schwierig, zu sagen, dass ich Hilfe brauche oder gerade zu kämpfen haben, fühlt sich wie eine Mutprobe an. Vielleicht hab ich mir selbst die Rolle auferlegt, immer stark sein zu müssen, immer nach vorne schauen zu können und nie wirklich einzubrechen. Ich sag’s euch wie es ist, nach über 30 Jahren von „alles im Griff“ bin ich unfassbar müde, emotional extrem ausgelaugt und würde die Rolle der ältesten Tochter gerne ablegen. Wenn ich meiner Intuition folgen könnte, würde ich noch heute in ein Flugzeug steigen und (wieder einmal) ein halbes Jahr ins Ausland flüchten, weit weg von allen Erwartungen, von Gefühlen und Aktionen anderer, weit weg von der Rolle, die mir nicht mehr passt.



Freundinnen fürs Leben

Aber naja, der Status Quo ist nunmal Realität und ein langer Sommer steht mir bevor. Juli und August können für Singlefrauen heftig sein, niemand weiß das besser als ich. Pärchenurlaube, Familienschwimmbadtage, riesige Cliquen, die sich spontan auf Drinks treffen, das alles hab ich viele Jahre beobachtet und nie dazugehört. Wenn ich euch eine Sache wünschen würde, dann ist es kein Partner, sondern eine beste Freundin. Frieda war in den letzten Wochen (eh immer, aber nun extra spürbar) präsent, hat mir bei den immer gleichen Schleifen zugehört, mich bei abendlichen Spaziergängen getröstet, mir beim Begräbnis den Rücken gestärkt und naja, erinnert mich regelmäßig daran, dass Loyalität keine Ausnahme, sondern ihr Standard ist. Wenn ihr so jemanden in eurem Leben habt, dann könnt ihr euch ziemlich fucking glücklich schätzen, ich tue das und unser Sommer wird schön.


Frühstück

Wir werden auf Almen frühstücken, nachmittags auf den Pritschen beim See liegen, eine Radtour machen, ins Open Air Kino gehen, abendlichen Weinrunden zelebrieren, uns auf Cappus treffen, in der Altstadtgasse Pasta Vongole essen und eine Woche lang die Seele in Apulien baumeln lassen. Das würden wir übrigens auch tun, wenn eine von uns in einer Beziehung wär, denn ich kann’s nicht oft genug sagen, wer Freundinnen ins Abseits stellt, nur weil auf einmal ein Mann da ist, hat die Bedeutung von Frauenfreundschaften leider nicht verstanden. Auch meine älteste Freundin ist eine unglaubliche Stütze, leider teilen wir den Schmerz über den Verlust eines Elternteils und so traurig das auch ist, so tröstlich ist es, jemanden zu haben, der genau weiß, wie es sich anfühlt.



Soloabenteuer & Herzenswünsche

Aber ich werde auch viel alleine sein und ich freu mich drauf. Vermutlich reise ich auch für eine Woche zu meinen Großeltern in die Steiermark, plantsche mit meiner Oma im Pool, schau ihr bei all den Handgriffen in der Küche zu und sag zum hundertsten Mal, dass ihr Topfenstrudel einfach der allerbeste ist. Ich möchte diesen Sommer wieder ein bisschen in meine Sportroutine zurückfinden und auch wieder mehr Flöte spielen, beides fehlt mir im Moment, aber ich hab grad keinen Kopf und keine Motivation dafür. In der Wohnung stehen noch ein paar finale Projekte sowie ein Großputz an, dann bin ich nach zwei Jahren hoffentlich fertig.


Balkon

Vor ein paar Wochen hab ich meinen Balkon komplett neu gestaltet, mir endlich den Tisch gegönnt, den ich wirklich wollte und seitdem sitze ich so gut wie jeden Abend bis spät draußen und schau den Sternen beim Leuchten zu. Ich freu mich auf viele entspannte Morgen mit Cappu in der Hand auf meinem Kuschelsessel und das eine oder andere Glas Wein am Abend. Dieses Jahr werde ich auch wie letztes alleine an den See gehen, weil es niemanden interessiert, alleine mit Pizza am Sonntag am Inn sitzen und auch alleine Wanderungen machen. Ich bin endlich an dem Punkt angekommen, wo ich Dinge alleine tun möchte, nicht, weil niemand Zeit hat, sondern weil ich mich drauf freue.


Auch die eine oder andere unliebsame Aufgabe steht noch an, die Steuer ruft schon wieder, mein Keller versinkt im Chaos und schon ganz lange möchte ich meine Noten sortieren. Ein Projekt, dass ich jetzt viele Monate zur Seite geschoben habe, ruft auch, ich hab ein bisschen Angst davor, aber es will realisiert werden. Ende August werd ich alleine für 10 Tage verreisen, das ist das erste Mal, dass ich das im Sommer mache, Finnland ruft schon lange nach mir und wie es aussieht, sehen wir uns 2026 endlich. Zusammengefasst, möchte ich tun und lassen, worauf ich Lust habe, die Wochen vergehen mir schon wieder viel zu schnell und ich möchte im Herbst mit einem zufriedenen Lächeln zurückschauen.


Was ich euch hier ganz romantisiert sagen möchte, vor allem dir, liebe Singelfrau: Nimm dein Leben in die Hand und verschieb nichts auf bessere Zeiten. Mein Vater hat mir meine ganze Kindheit lang versprochen, dass wir nach Hawaii fliegen, sobald ich 16 bin. Dann haben wir es Sommer für Sommer verschoben, ich bin 37, wir waren nie in Hawaii und jetzt ist es zu spät. Die Zeit ist skrupellos und rinnt durch die Finger, egal ob du das möchtest oder nicht, niemand weiß, was nächstes Jahr kommt und du kannst ALLES auch alleine erleben, es ist genauso schön.


Wenn du Besties hast, dann sag ihnen wie toll sie sind, sei die Freundin, die du dir selber wünschst. Wenn jemand in deinem Umfeld trauert, dann sei extra aufmerksam, Verlust ist so eine Sache, die in den Köpfen anderer schnell verschwindet und die Betroffenen fühlen sich sehr schnell alleine. Ich wünschte, ich wäre mehr für meine Freundin da gewesen, als sie ihre Mutter verloren hat, hätte öfter nachgefragt, auch Monate und Jahre danach. Schmerz und Trauer bleiben, auch wenn das Leben halbwegs normal weiterläuft.


Frau am Meer

Ich wünschte, ich hätte mehr von Vielem gemacht, lauter meine Zuneigung zelebriert, weniger im Stillen gegrübelt, öfter mit Nichts verbracht und täglich auf meine innere Stimme gehört.


Ein Sommer voller Möglichkeiten.



Wir hören uns im Herbst.

3 Kommentare


Gast
vor einer Stunde

Pippi in den Augen 🥲

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Gast
vor einem Tag

Ich wünsche dir den allerbesten Sommer und alles erdenklich Gute für die Zukunft! Danke für deine Zeilen über all die Jahre! 🌺 ☀️

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Gast
vor 2 Tagen

Wie schön wieder einmal 💝

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