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Wenn Freundinnen plötzlich Kinder haben

  • Autorenbild: diedreißigerin
    diedreißigerin
  • 18. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Apr.

Ich bin diesen Monat 37 geworden, eine Zahl, die mir recht wenig zu schaffen macht, wenn ich meinen Blick auf mich richte, aber eben auch ein Alter, das hin und wieder zu Schnappatmung führt, wenn ich meinen Blick nach außen richte. In den letzten paar Wochen ist ein Gefühl immer wieder aufgepoppt: Die Angst, den Anschluss an meinen Freundinnen zu verlieren beziehungsweise die bittere Erkenntnis, dass wir nicht mehr in den gleichen Lebensabschnitten sind. Wenn Frauen Kinder bekommen, ändert sich alles, ein Lebensentwurf endet, ein anderer beginnt, aber was macht das mit Freundschaften und wo ist Platz für Singlefrauen in der Spielplatzwelt?


Wir waren gerade noch alle gleich

Wie waren die Zwanziger doch unkompliziert, wie gerne wär ich noch einmal so unbeschwert und so naiv. Vor zehn Jahren hab ich mir keine Gedanken über Kredite, das Patriarchat oder meine Eierstöcke gemacht, ich bin von einer Wohnung zur nächsten gezogen, hab Beziehungen mit einer Mal-schauen-Attitüde betrachtet und Sex war ausschließlich mit Lust und nicht Kinderwunsch assoziiert. In meinen späten Zwanzigern waren einige meiner Freundinnen Single, nur eine einzige der Studium-Truppe hatte ein Kind und damals war mir das gar nicht so bewusst, dass unsere Lebensentwürfe einmal dermaßen auseinander driften würden. Wir waren doch alle gleich, hatten alles das gleiche Alter, alle studiert, die gleichen Voraussetzungen, haben so vieles gemeinsam gemacht, warum sollte sich das ändern?



Dann haben die Dreißiger angeklopft und während ich mich gerade getrennt hatte und durch Liebeskummer aus der Hölle gepaart mit Lockdown gehen musste, haben andere ihre Liebe offiziell gemacht und das lange erwartete JA vorm Altar geträllert. Ob Freundinnen in Beziehungen oder schlussendlich verheiratet sind, macht eigentlich keinen Unterschied, es gab schon immer jene, die ihre Prioritäten dem Mann anpassen und eben jene, die ihr Leben normal weiterführen, nur eben mit Partner. Dem Hochzeitsfieber folgten aber die Kinderwünsche und ehe ich mich versah, hatten auf einmal fast alle ein Kind beziehungsweise ehestmöglich zwei Kinder.



Zwischen Verständnis und Trauer

Nun, wenn eine Freundin Mutter wird, dann freue ich mich natürlich unglaublich für sie, aber ein kleiner Teil in mir ist auch tottraurig, weil es nie wieder so sein wird wie zuvor. Frauen werden vom Erdboden verschluckt, sobald ein Kind da ist, vorher ist es das ewige und andauernde Stillen, dann sind es Bauchgrippen, Kindergeburtstage, Spielplatzrunden und die nie enden wollende Aufgabe, das Kind bespaßen, ernähren und behüten zu müssen. Meine Freundinnen sind alle tolle, selbstständige Frauen, dennoch lebt keine ihr Leben so uneingeschränkt weiter wie es etwa ihre Partner tun. Im Endeffekt greift doch immer das alte Modell, in dem er Vollzeit arbeiten geht und sie den Hauptanteil der physischen Care Arbeit übernimmt sowie praktisch den gesamten unsichtbaren Mental Load. Hinzu kommt, dass Wochenenden auf einmal Familienzeit sind, Brunch gegen den Zoo und schicke Dinner gegen Schlafbegleitung getauscht werden und Freundschaften, naja, auf der Strecke bleiben.


Ich vermisse meine Freundinnen von früher und ich hasse die Unflexibilität und Unsicherheit, die plötzlich bei Verabredungen herrscht. Nie hätten wir früher gesagt, dass wir uns treffen außer eine wird krank. Jetzt sind kleine Menschlein mit im Spiel und ich, die keine Kinder hat, muss immer im Vorfeld hoffen, dass alle gesund bleiben, Väter betreuen offenbar ihre eigenen Kinder nur, wenn sie gesund sind. Versteht mich nicht falsch, ich hab endlos Verständnis für die neue Situation und alle Hochachtung vor dieser riesigen Aufgabe des Mutterseins, ich sehe wie meine Freundinnen teilweise am Zahnfleisch daherkommen, gefühlt keine Minute für sich selbst haben und als eigenständige Persönlichkeit verschwinden, wie sie plötzlich den Druck spüren, die Familie priorisieren zu müssen, wie sie doppelt Verantwortung übernehmen, weil die Väter lieber nur die halbe wollen.



Vater sein, ja, das würd ich auch nehmen, sie wechseln eine Windel, gehen Samstagvormittag auf den Spielplatz oder einen Monat in Karenz und schon sind sie die Superhelden in aller Munde. Mama sein hingegen bedeutet oft Selbstaufgabe, weil es anders einfach gar nicht funktioniert, weil wir noch nicht wütend genug sind auf ein System, das Frauen im Stich lässt, sie finanziell abhängig macht und in die Altersarmut chauffiert, auf das Patriarchat, das Frauen den Flo ins Ohr setzt, dass sie Männern das Familienleben einfach machen müssen, weil diese sonst gehen.


Aber genug politisiert, ich war die letzten Wochen traurig, weil meine Freundschaften sich verändert haben, nicht nur eine ist komplett weggebrochen. Mein Geburtstag war dieses Jahr in den Osterferien und ich sage wie es ist, das war bitter: Die zwei Freundinnen mit Kindern waren bei den Familien bzw. Schwiegerfamilien und somit ist mir dieser fehlende Gleichschritt so richtig ins Gesicht geklatscht worden.



Anders aber trotzdem schön

Darf ich sagen, dass ich mir mehr Zeit zu zweit wünsche? Soll ich anmerken, dass ich auch für meine Situation Verständnis brauche? Wie bei allem im Leben ist der Schlüssel eine gute Kommunikation und ein wenig Proaktivität. In letzter Zeit hatte ich meine Freundinnen viel in Gegenwart ihrer Kinder gesehen, ich bin mit auf den Spielplatz gegangen oder schnell auf einen Kaffee vorbeigekommen und so sehr ich die Zwerge meiner Mädels auch lieb habe und natürlich als Pseudotante auch ein Teil von ihrem Leben sein möchte, muss ich mir auch eingestehen, dass ich Zeit alleine mit meinen Freundinnen möchte. Ich möchte über Erwachsenenthemen sprechen, über anzügliche Geschichten lachen und auch ehrlicherweise die ungeteilte Aufmerksamkeit meines Gegenübers.


Wenn sich Wege trennen und nicht mehr ganz parallel verlaufen, dann tut das weh, aber es ist auch eine Gelegenheit neu zueinander zu finden und manchmal, liebe Singlefrauen, dürft ihr auch Zeit und Verständnis einfordern. Keine Freundin wird euch böse sein, wenn ihr sagt, dass ihr sie vermisst. Manchmal braucht es vielleicht auch einen unliebsamen Spiegel und ziemlich sicher könnt ihr euch dann zu zweit darüber beschweren, wieviel einfacher es Männer haben. Ich kann mir vorstellen, dass der Blick vom Familienchaos ins Singleleben auch nicht immer einfach ist. So wie ich manchmal damit hadere, dass Wochenenden auf einmal Familienzeit sind, haben Mamas damit zu kämpfen, dass sie nicht spontan wegfahren, den ganzen Tag auf der Couch chillen oder den dritten Selfcare-Abend genießen können.


Vier Freundinnen beim Pizzaessen

Meine Freundschaften haben sich verändert, aber ich habe mich auch verändert, mein Blick ist viel mehr bei mir und das Gefühl hinterherzuhinken, kommt nur noch sehr selten in PMS-Phasen zum Vorschein. Ich hinke nicht, ich geh nur auf einem anderen Weg, aber es ist dieselbe Richtung. Ich kann meinen Freundinnen zuschauen, wie sie ihren Wunsch ausleben und bin ihre größte Cheerleaderin – umgekehrt wünsche ich mir das auch.


Nun, so romantisch dieses Ende klingt, ich möchte hier mit offenen Karten spielen. Mein Kinderwunsch ist derzeit nicht vorhanden, auch wenn ich mich hin und wieder frage, ob mir in der Zukunft etwas fehlen wird, und meine Bestie ist ebenfalls solo und kinderlos. Zudem bin ich sehr glücklich mit meinem Leben und genieße alle Vorzüge meiner derzeitigen Situation und trotzdem ist es manchmal schwierig.


Freundschaften sind ein wichtiger Pfeiler in meinem Alltag und ich möchte nicht immer zurückstecken. Heute war ich mit einer Freundin Mittagessen, nächste Woche gehe ich auf ein Kaffeedate mit einer anderen, beide Male ohne Kinder. Es ist ein administrativer Aufwand, aber es ist möglich und darf auch manchmal eingefordert werden. Ein anderes Mal sehen wir uns wieder am Spielplatz, auch das ist okay. Wie in jeder Beziehung ist es ein Geben und Nehmen, Bedürfnisse auf beiden Seiten, die gesehen und gehört werden wollen.


Und naja, eine weitere Wahrheit ist eben auch, dass Singlefrauen Singlefreundinnen brauchen so wie Mamas andere Mütter, sonst wird es in der Bubble einsam. Die Zeiten ändern sich zum Glück und immer mehr Frauen entscheiden sich für Lebensmodelle ohne Familie. Frauenfreundschaften sind das allergrößte Geschenk, das sag nicht nur ich sondern auch jede Statistik, und genau so sollten sie behandelt werden.


Update: Mein Kaffeedate wird nicht stattfinden, ein Kind ist krank, auch das ist Realität.

6 Kommentare


Corina
19. Apr.

Es ist so schön, sprichst du das Thema so ehrlich an. Ich erlebe es identisch und leider wird unsere Seite oft kritisiert. Wir „dürfen“ nicht ehrlich sein und auch mal raushauen, dass es oft Sch** ist, fast die einzige ohne Kinder zu sein. Nicht das ich welche möchte aber man ist eben auf der Seitenlinie. Singles müssen immer zurück stecken, weil wir die Verantwortung Kind ja nicht haben. Es wird erwartet, dass WENN die Freunde mit Kinder mal Zeit haben, wir dann auch automatisch springen.

Ich trauere oft den alten Freundschaften oder Beziehungen nach. Mein Bruder war mein bester Freund aber seit er Kinder hat, bin ich abgeschrieben und wir bekommen keine gemeinsame Basis mehr hin. Du sprichst mir also…

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diedreißigerin
diedreißigerin
21. Apr.
Antwort an

Versteh dich total! 💕

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Gast
18. Apr.

Du sprichst mir aus der Seele, ich bin wirklich die einzige ohne Kinder und ich kann die vagen Aussagen und ständigen Absagen, weil der Mann doch arbeiten muss oder eines der Kinder gerade einen schlechten Tag hat nicht mehr hören. Dass unsere Freundschaft nie Priorität hat schmerzt total. ❤️‍🩹

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diedreißigerin
diedreißigerin
21. Apr.
Antwort an

Ich kann dich sehr gut verstehen, das tut weh! 💕

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