• diedreißigerin

Ein langes Wochenende, viele Tränen und Schokolade zum Frühstück!

Hinweg…so oft hatte ich dieses Wort in den letzten Wochen in den Mund genommen, es mir selbst eingeredet, von Freundinnen bestätigen lassen und es am Ende selbst geglaubt. Hinweg über meine letzte Beziehung, hinweg über den Schmerz des Alleinseins, hinweg über gesellschaftliche Vorstellungen und hinweg über das Gefühl, als Single nicht glücklich sein zu können. Frei, unabhängig, lebendig, mit mir im Reinen und offen für die Zukunft mit all ihren Unberechenbarkeiten. Und plötzlich war es da, das letzte lange Wochenende dieses mühsamen Frühjahrs, mit den vielen Regentagen, den andauernden Restriktionen, gesetzlichen Sperrstunden und dieser ständigen Ungewissheit. Ich war gewappnet, bereit, meine to-do-Liste länger als je zuvor und ich freute mich auf vier Tage mit mir selbst. Und dann, dann kam alles ganz anders.

Donnerstagmorgen, gefüllt mit Liebe vom Vorabend, in Gedanken bei dem spritzigen Aperitivo, der leckeren Vorspeise, der perfekten Pizza, dem himmlischen Tiramisu und den schönen Stunden mit meiner besten Freundin im Rummel eines Lokals. Besser hätte diese lange Wochenende nicht starten können und trotzdem ist am Morgen dieses mulmige Gefühl im Bauch. Feiertag, alle haben frei und gefühlt alle, die ich kenne, sind in einer Beziehung, liegen vermutlich gerade kuschelnd im Bett oder gehen bereits spazieren und frühstücken danach gemeinsam. Ich liege allein, wie schon so viele Morgen zuvor, unwillig aufzustehen, weil das Bett so fein ist und unwillig liegen zu bleiben, weil ich die Gedanken nicht zu sehr schweifen lassen möchte. Kaffee, Müsli und Laptop, ich hab genug zu tun und mir extra viel vorgenommen für diese vier Tage, aber irgendwie komme ich nicht in die Gänge, schau mir YouTube-Blödsinn an, danach eine Folge Pretty Little Liars, es ist so viel zu tun, aber es geht nicht. Immerhin kann ich mich nachmittags zum Sport aufraffen, räume die Wohnung ein wenig auf und beantworte Emails. Abends bin ich mit einer Freundin verabredet, der erste richtig laue Abend, bis zehn Uhr sitze ich in einer kurzen Bluse draußen, zuhause ist es wieder leise.

Freitags beginnt das Spiel von vorne, ich versuche mich zu konzentrieren, etwas weiter zu kriegen, das konnte ich doch immer, Fokus und Produktivität sind meine Stärken. In einer Beziehung zu sein hatte mich oft belastet, zu wenig Zeit für mich, für meine Bedürfnisse, meine Freizeit, meine Arbeit, mein Instrument. Heute habe ich den ganzen Tag Zeit, niemand wartet auf mich, und trotzdem übe ich nur 30min, obwohl ein Konzert ansteht und das Programm schwer ist. Es geht nicht, nichts geht im Moment – die Bildschirmzeit steigt, die Motivation sinkt. Spazieren und Hörbuch, danach Serien bis spät in die Nacht. Ich sabotiere mich selbst, kenne dieses Verhalten, anstatt mich aus dem Sumpf zu ziehen, lass ich mich untergehen, drück noch ein bisschen nach. Keinen Punkt von der Liste abgehakt und nicht einmal mich selbst umsorgen kann ich. Versagt.


Samstag. Ich hab viel zu spät geschlafen und bin viel zu früh wach, unruhig und unausgelastet. Mein Herz schlägt schon morgens ein bisschen zu schnell, die Falte zwischen den Augenbrauen ist deutlich sichtbar, mein Frühstück sind ein Balisto, das violette, und zwei Cappuccino. Der Beitrag soll raus, leider etwas uninspiriert, neutral und informativ, aber immerhin abgehakt. Das Wetter ist zu schön, um drinnen zu bleiben, zu grauslich, um wirklich raus zu gehen. Ich spaziere aufs Höttinger Bild, dort will ich die Unruhe hintragen, die blöden Gedanken lassen und den Tag neu starten. Zurück Zuhause fühlt sich alles ein bisschen besser an und dennoch bin ich flau im Magen. Appetitlos, nachdenklich und mit Kloß im Hals auf der Couch, nicht ganz sicher, was eigentlich los ist, verärgert über mein Unvermögen und die Zeit, die schon wieder so schnell verstreicht. Ich lass mich abholen, schlafe die Nacht im alten Zuhause mit der Katze im Bett. Schon als ich ins Auto steige, kullern die ersten Tränen hinunter. „Einfach ein blöder Tag“, aber es hatte wenig mit dem Tag zu tun und auch nichts mit der Woche. Tief in mir wusste ich was los war – er war wieder da, der Schmerz, den ich schon so lange nicht mehr gespürt hatten.

Sonntagmorgen fahren meine Eltern in den Urlaub, ich steige früh in den Bus und komme um neun in meiner Wohnung an. Mein Frühstück ist nur mehr ein Kaffee, obwohl ich nach wie vor Magenweh habe, brauch ich jetzt, und auf mich Acht geben will ich gerade gar nicht. Später noch ein Merci, Nougat. Nichts habe ich geschafft von dem, was ich mir vorgenommen hatte, jetzt ist eh schon alles egal. An diesem Sonntag fließen immer wieder Tränen, ein paar sehr leise, aber auch laute mit viel Schluchzen und ganz viel Herzschmerz. Vor zwei Jahren war ich an diesem Wochenende in Verona mit ihm, er hatte mir die schönste Karte geschrieben und wir hatten traumhafte Tage mit viel Dolce Vita und Amore. Er ist gerade am Gardasee mit Freunden, ohne mich und obwohl das so logisch und auch völlig in Ordnung ist, tut es plötzlich ganz furchtbar weh. Noch einmal verinnerlicht, dass wir nicht mehr zusammen sind, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt, dass ich auf mich alleine gestellt bin, dass er nicht der ist, den ich in ihm gesehen hatte, dass vieles jetzt ungewiss ist, dass andere weiter sind, dass es sich ganz trostlos und ungerecht anfühlt. Und noch dazu schaffe ich nichts, gar nichts. Meine Liste ist unberührt, das, was ich immer so gut konnte, Leistung erbringen und mich selbst bestätigen, geht dieses Wochenende nicht. Ich fühle mich wie gelähmt und zum ersten Mal seit langem freue ich mich auf die Arbeit am Montag, auf Struktur und viele Menschen.

Die darauffolgende Woche habe ich noch viel geweint, alleine und nicht alleine. Ich brauche kein Mitleid und auch keine beschwichtigenden Nachrichten, ich weiß, dass alles wieder gut wird und dass es gute und schlechte Tage gibt. Letzte Woche hatte ich eben vier schlechte und oben gestartet habe ich mich in einer Abwärtsspirale ganz weit nach unten ziehen lassen, dort wo es dunkel und hoffnungslos und einsam ist. Leider passiert, hätte nicht sein müssen, aber vielleicht musste ich dort landen. Meine Gefühle waren okay, über etwas hinwegzukommen ist ein Prozess, und manchmal muss man wieder ein paar Schritte zurück, um weiter nach vorne zu kommen. So hat es sich angefühlt, ich musste noch etwas verarbeiten, etwas Revue passieren lassen, noch einmal darüber weinen – aber das hätte ich nicht alleine tun müssen, ich hätte die Hände ausstrecken können, anstatt Angst zu haben, jemandem zur Last zu fallen. Hätte sagen können, wie es mir geht und was ich brauche – Kontakt und Gespräche. Mein altes Muster kam durch, Rückzug statt Hilfesuche, still leiden anstatt zu reden. Im Nachhinein bin ich klüger und nächstes Mal mache ich es hoffentlich anders. „Du bekommst so oft etwas vor die Füße geschmissen, bis du es kapiert hast!“, sagte Paula immer, ich schätze sie hat Recht. Zum Trost habe ich mir Schuhe bestellt, mit manchen Mustern möchte ich gar nicht brechen.

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