• diedreißigerin

Über ein Jahr Pandemie, was Corona mit mir gemacht hat!

Vor über einem Jahr hat Covid-19 unser Leben auf den Kopf gestellt, die Stopptaste gedrückt, uns Verbote auferlegt und Angst in unseren Köpfen gesät. Der Virus selbst mit seinen Folgen, die mediale Berichterstattung, die wöchentlichen Pressekonferenzen und die vielen Meinungen nationaler und internationaler Expertinnen und Experten haben uns täglich begleitet und auch verunsichert, ebenso wie die Infektionskurve und die Inzidenzzahlen im Ländervergleich. Mein Alltag ist schon lange kein Alltag mehr und neben den ganzen strukturellen Veränderungen, die ich hinnehmen musste und noch immer muss, hat sich auch in mir viel getan.

1, 2, 3…wieviele noch?

Den ersten Lockdown hatten wir ziemlich genau vor einem Jahr überstanden, die Maßnahmen waren in Tirol mehr als hart, die Fälle aus heutiger Sicht dafür lachhaft gering. Damals haben noch alle von Entschleunigung gesprochen, Home-Office war praktisch Urlaub und Online-Unterricht steckte noch in den Kinderschuhen. Ich hab diesen ersten Lockdown eigentlich genossen, wir waren gerade in die gemeinsame Wohnung gezogen und viel mit Aufbauen und Einräumen beschäftigt, haben das überragende Wetter am Balkon genossen und ja, ich hab auch Bananenbrot gebacken. Meine Familie hab ich an meinem Geburtstag zwar sehr vermisst, überhaupt natürlich soziale Kontakte, aber ein Ende war absehbar und daher alles halb so schlimm.


Nach einem praktisch normalen Sommer folgte im Herbst der zweite Lockdown, vorher light und dann mit härteren Maßnahmen, die Zahlen waren erschreckend hoch, die Tage wurden kürzer, die Temperaturen kühler und ich war nach der Trennung allein in meiner kleinen Wohnung. In dieser Zeit war ich viel mit meinem Liebeskummer beschäftigt, meinem eigenen Schmerz, hab viel geweint und viele Serien geschaut. Vermutlich wäre ich sowieso nicht in der Stimmung gewesen, raus zu gehen. Auch diese Wochen vergingen schnell.

Fast lückenlos ging es nach Weihnachten in den erneuten harten Lockdown, in dessen Lightversion wir uns noch immer befinden. Der Handel hat inzwischen geöffnet, die Friseure auch, aber die Gastronomie und der Kulturbetrieb liegen seit Monaten auf Eis. Nach wie vor sind Treffen mit mehr als einem Haushalt untersagt, es gelten Ausgangsbeschränkungen. Allein dieses Wort – Ausgangsbeschränkungen – belastet mich, ebenso wie die ZIB-Diagramme, eigentlich jede Art Berichterstattung, die in irgendeiner Weise mit dieser Pandemie zu tun hat.

Hallo Angst, mir ist alles zu viel.

Die andauernde Ungewissheit, die ständige Angst, dass sich jemand aus der Familie ansteckt, die immer neuen Verlängerungen und diese ermüdende Aussichtslosigkeit haben nach diesen vielen Monaten Spuren hinterlassen. Im März habe ich zum ersten Mal Angst verspürt, ohne speziellen Anlass, aber das Gefühl, dass mein Herz ein wenig zu schnell pocht, hat mich seitdem an vielen Tagen begleitet. Ich konnte nicht mehr entspannt lesen, weil es mir zu leise war, Sonntage waren wieder schwer zu ertragen, das Wetter war schlecht und ich hab mich verloren gefühlt, einsam und entmutigt. Das hatte nichts mit Liebeskummer oder meinem Singledasein zu tun, dieses Gefühl war größer. Angst. Oft hatte ich zuvor über „anxiety“ gelesen und vor allem im englischsprachigen Kontext davon gehört, aber nie konnte ich etwas damit anfangen. Warum Angst verspüren, wenn es mir gut geht, wenn es praktisch nichts zu befürchten gibt, wenn der Körper gesund ist?


Angst, weil alles gerade viel ist. Weil die Routine fehlt, die Stabilität, eine Perspektive. Angst, weil neben Corona täglich andere Schreckensnachrichten kommen, weil Menschen Amok laufen, Politiker:innen korrupt sind, Femizide an der Tagesordnung stehen, Radioaktivität wieder zum Thema wurde, die Eiskappen schmelzen, Flüchtlinge ertrinken, im nahen Osten Raketen fliegen und weil gerade so viel Elend auf dieser Welt herrscht. Es ist mir alles zu viel, ich komme nicht mehr nach, alles zu verarbeiten, geschweige denn zu verstehen oder einen Sinn zu erkennen. Mein limbisches System reagiert mit Angst, an manchen Tagen kaum spürbar, an anderen kaum auszuhalten. Dieser psychische Stress macht sich auch körperlich bemerkbar, an vielen Tagen habe ich kaum Appetit, meine Neurodermitis kam an den Händen nach Jahrzehnten wieder zum Vorschein, ich bin oft müde, antriebslos und unkonzentriert.


Zeit zu handeln, Zeit für mich.

Zu diesem Stress kommt noch eine Menge Schuldgefühl hinzu, weil ich ich mich schlecht fühle, obwohl ich so privilegiert bin. Niemand in meinem Umfeld hatte mit schweren Folgen des Virus zu kämpfen, ich musste nie um meinen Job bangen, war nie in Kurzarbeit, habe ein tolles Auffangnetz aus Familie und Freund:innen und ich muss mich nur um mich selbst kümmern. Ich lebe in einem sicheren Land mit einem ausgezeichneten Gesundheitssystem, kann mich täglich testen lassen und mich mit Masken schützen. Aber Angst ist nicht so einfach abzustellen, vor allem nicht, wenn sie an die Gesamtsituation gebunden ist. Also musste ich etwas tun diese letzten paar Monate, mich beschäftigen, mir Marmeladeglas-Momente schaffen, die kleinen Freuden zelebrieren.

Ich bin weiterhin viel spazieren gegangen, manchmal allein oder auch auch mit einer Freundin, hab die Wochenende bewusst ohne Arbeit verbracht, weil sich Berufliches und Privates so vermischt hatte, hab meine Wohnung neu organisiert, weil Ordnung mich beruhigt, meine Kleider anprobiert, die ich schon so lange nicht mehr anhatte, wieder mehr telefoniert, obwohl ich das sonst gar nicht mag, viele geschrieben, um die Gedanken abzulegen und auch versucht, der Zukunft optimistisch gegenüberzustehen und mich auf den bevorstehenden Sommer zu freuen. Seit einiger Zeit lese ich bewusst weniger Nachrichten und die Zahlen interessieren mich schon lange nicht mehr, das mag ein bisschen Realitätsablehnung sein, aber es tut gut.


Nicht nur Schatten- sondern auch Sonnenseiten.

Vor allem aber habe ich mich bemüht, die Sonnenseiten dieses ganzen Prozesses zu realisieren. Mir hat diese Pandemie ganz deutlich gezeigt, wer und was wirklich Bedeutung hat in meinem Leben. Ganz dem Millennial-Vorurteil entsprechend steht bei mir eindeutig nicht Arbeit an erster Stelle und auch nicht an zweiter oder dritter. Ich gehe zur Arbeit, um Geld zu verdienen, ich unterrichte gerne und auch bemüht, aber ich komme auch ohne zurecht, mein Glück hängt nicht von meinem Beruf ab. Wenn ich mir Kolleg:innen ansehe, hat mich diese Einstellung vermutlich ein wenig gerettet diese letzten Monate. Die veränderten Arbeitsverhältnisse waren mühsam, definitiv, aber sie haben mein Sein nicht erschüttert.


Dafür hat sich wieder gezeigt, wie wichtig mir Kultur ist, passiv wie auch aktiv. Meine letzte Aufführung habe ich Ende Oktober in den Kammerspielen gespielt, mit anderen Musiker:innen zusammen im Graben sitzend vor Publikum. Wir wussten damals, dass es die letzte sein wird, alle waren fast ein wenig andächtig. Mir fehlen Konzerte, Theaterbesuche, Ausstellungen und Events. Das Angebot habe ich vor dieser Pandemie zu wenig wahrgenommen, das soll sich zukünftig ändern. Oft fühlt es sich schwer an, abends noch einmal das Heim zu verlassen, bereut habe ich es noch nie.

Was wir glaube ich alle deutlich gemerkt haben: Wir brauchen einander! Einsamkeit ist ein richtig böses Gefühl, dass dich Tag für Tag auffrisst, ganz besonders, wenn du alleine wohnst. Home-Office Tage sind dahingehend besonders gemein, oft war einkaufen gehen das Tageshighlight. Tiefe Beziehungen sind definitiv mein Schlüssel zum Glück, ohne meine liebsten Menschen ist dieses Leben nur halb so schön. In diesen letzten Monaten habe ich die Stunden mit Familie und Freund:innen neu wertschätzen gelernt, die Zeit mit ihnen noch bewusster genossen und ganz viel Dankbarkeit empfunden für diese tollen Menschen. Das möchte ich mir beibehalten, Qualitätszeit mit meinen Lieben weiterhin priorisieren und mir weniger Gedanken darum machen, was stattdessen alles zu erledigen wäre. Öfter essen gehen, aus vollem Herzen lachen, mehr übers Wochenende wegfahren und wann immer möglich die Seele baumeln lassen.

Was bringt die Zukunft?

Vielleicht hat dieses letzte Jahr wirklich zu einer Entschleunigung geführt, zumindest bei mir. Ich musste besonders wohlwollend mit mir umgehen, mir viele schöne Beschäftigungen suchen, von „ich muss“ auf „ich möchte“ umdenken, mehr in meine Bedürfnisse hineinfühlen, mir mehr „Unnötiges“ erlauben, viel rausgehen und gestalten und öfter innehalten, sonst wäre ich vermutlich an der Situation zerbrochen. Dafür durfte ich auch viel über mich selbst lernen, mich auf eine neue Art kennenlernen und fühle mich nun, obwohl die Angst weiterhin von Zeit zu Zeit zum Vorschein kommt, sehr im Einklang mit mir und bin glücklich mit der Lebensweise, die ich für mich gewählt habe. Am Montag werde ich geimpft, am Mittwoch öffnen die Lokale, ob wir zu einer Normalität zurückfinden, wird sich zeigen. Es sieht nach Sonne aus!

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